Lektüre von Ludwik Fleck

Bis Ende September 2017 besteht die Möglichkeit, nicht nur am Strand oder im Wohnzimmer für sich alleine Ludwik Flecks „Erfahrung und Tatsache“ (gesammelte Aufsätze) zu lesen (nähere Infos dazu hier), sondern im Bedarfsfall auch sukzessive zu kommentieren (aktuell zur Einleitung) nämlich hier.

  1. Hier geht es zu Kommentaren zum ersten Aufsatz: Über einige besondere Merkmale des ärztlichen Denkens
  2. Hier nun Kommentare zum zweiten Aufsatz: Zur Krise der „Wirklichkeit“
  3. Hier die Kommentare zum dritten Aufsatz: Über die wissenschaftliche Beobachtung und die Wahrnehmung im allgemeinen
  4. Hier die Kommentare zum vierten Aufsatz: Das Problem einer Theorie des Erkennens
  5. Hier die Kommentare zum fünften Aufsatz: Wissenschaftstheoretische Probleme
  6. Hier die Kommentare zum sechsten Aufsatz: Schauen, sehen, wissen
  7. Hier die Kommentare zum siebten und letzten Aufsatz: Krise in der Wissenschaft. Zu einer freien und menschlicheren Naturwissenschaft


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  1. Liebe Gabi,
    ich habe gerade mit Interesse deine Lektüreerfahrungen und Kommentare zu Fleck gelesen.
    Ob Fleck eventuell doch nichts „mit Hochschuldidaktik zu tun hat“? Zu deiner Anregung zu schauen, „ob es nicht doch den einen oder anderen analogen Bezug zum akademischen Lehren und Lernen gibt“ –
    könnte ich euch empfehlen, über „theoretische Erfahrung“ weiter nachzudenken:

    „Das Wesentliche des forschenden Lernens ist die theoretische Erfahrung. Sie betrifft mehrere Fragen: Warum erwarte ich, dass etwas so und nicht anders geschieht? Ab wann sind meine Annahmen und Schlüsse über die Wirklichkeit (einen Sachverhalt oder das Verhalten anderer Menschen) gut begründet und betreffen die wirklichen Kräfte und Zusammenhänge der Natur, der Gesellschaft bzw. des Verhaltens von Menschen? Und allgemeiner: Was wird wodurch erklärbar und was lässt eine Erklärung dabei außen vor?

    Theoretische Erfahrungen sind Erfahrungen mit der Arbeit des Denkens und des Forschens. Es sind Erfahrungen mit dem eigenen Denkhorizont, dem eigenen Vorstellungsvermögen. Welche Denkstrategien, welche Mittel der Forschung und welche Denkstile auf einem Wissensgebiet haben welche Implikationen für die Lösung eines wissenschaftlichen Problems? Man braucht Erfahrung im Umgang mit diesen Dingen, um die Vorzüge bestimmter Ansätze sowie ihre Tücken besser einschätzen zu können.

    Darüber hinaus wird theoretische Erfahrung für die Erweiterung der menschlichen Denk- und Handlungsfähigkeit bedeutsam. Theoretische Erfahrungen gehören zu all den handlungsrelevanten Erfahrungen, die Menschen heute in nicht geringem Maße indirekt und daher auch vermittels gedanklicher Arbeit mit Erkenntnissen und Begriffen früherer Generationen machen müssen. Mit theoretischen Erfahrungen entstehen exaktere Vorstellungen davon, wie man in der Welt in konkreten Situationen wirken und eingreifen kann und mit welcher Voraussicht man dies auch tun sollte. Auf ihrem Hintergrund können sowohl sinnvolle Formen der Antizipation (Aufmerksamkeit, Achtsamkeit) als auch der Reflexion (Nachvollziehen-, Erklären- und Bewerten-Können) gebildet werden. Jede theoretische Erfahrung ist eine Erfahrung in sozialen Kontexten, in denen Menschen durch einen theoretisch erarbeiteten (d.h. theoretisch strukturierten) Erkenntnishorizont ihre Denk- und Handlungsfähigkeit erweitern. Trifft dies auf einen Lernprozess zu, so handelt es sich um forschendes Lernen.“ (lehr-lernforschung.org)

    All diese Gedanken bauen schließlich (unter anderem) auf einem Studium von Fleck auf.
    Herzlich
    Ines

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